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Das Räubernest am Jordansee*

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An einer viel besprochenen Stelle redet Tacitus von einer Göttin Hertha, die an einem geheimnisvollen See von den Germanen verehrt würde. Zu den zahlreichen deutschen Seen, die ohne zwingenden Grund - wie auch der Herthasee bei Stubbenkammer - für diesen See angesehen werden, gehört auch der Jordansee, etwa sechs Kilometer nordöstlich von Misdroy gelegen. Er wird von den Badegästen gern und oft besucht; in der Mitte liegt eine kleine Insel, zu der ein Steg führt, mit einer Gastwirtschaft. Rings um den mit Buchen umkränzten See zieht sich ein schattiger Fußweg. Der See ist zwar klein, aber sehr tief und in viele Zipfel gerissen; auf seinem dunklen Wasser scheinen zahlreiche Seerosen alle Geheimnisse zu bewahren.

Der Hertasee bei Stubbenkammer

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Nach der gelehrten Sage, die hier seit wenigen Jahrzehnten nachzuweisen ist, haben vor alten Zeiten sieben germanische Völker um die Insel herum gewohnt und hier ihre heilige Göttin verehrt. Niemand bekam sie zu sehen. Einmal nur im Jahre hielt sie ihren Umzug durch die Lande und badete sich dann im Jordansee. Aber alle Sklaven, die ihr dabei behilflich gewesen waren, wurden dann im See ohne Erbarmen ertränkt.

Nach alten Urkunden hieß der See früher Gordino-See. Der Name ist von dem wendischen Gard – Burg abzuleiten (Stargard - alte Burg) und bedeutet demnach Burgsee. Man muss also in der Nähe einen alten, heute jedenfalls verschwundenen Burgwall annehmen - an diesen Wällen ist ja heute noch Pommern überreich.

Aus einer späteren Zeit meldet eine Sage, zwischen Neuendorf und dem Jordansee - auf dem kahlen Berge - hätten früher Riesen gewohnt, die die dicksten Bäume als Spazierstöcke benutzten und gar graulich mit den armen Leuten umgingen. Aber als der Dom in Cammin gebaut wurde, bangten sie vor dem Christengott und wollten das fromme Werk zerstören. Der Stärkste stellte sich auf den kahlen Berg, ergriff den größten der umliegenden Felsblöcke und schleuderte ihn nach dem Dome zu. Aber seine Kraft langte nicht dazu aus; der Stein fiel schon bei der Insel Gristow ins Wasser und liegt heute noch dort, der Großstein genannt.

Zur Zeit der Wikinger - der Seeräuber - scheint die Gegend des Jordansees ihnen oft als Schlupfwinkel gedient zu haben, und daran hat der Volksmund zahlreiche Sagen geknüpft, die gewiss nicht ohne jeglichen Grund sind.

Früher - so lautet eine dieser Sagen - war der Jordansee mit der Ostsee verbunden, und wer die schmale, von Bäumen verdeckte Fahrstraße genau kannte, gelangte bald auf den verborgenen See. Deshalb sammelten sich hier zahlreiche Seeräuber, die von den nahen Bergen aus die Ostsee beobachteten und, wenn sie ein Handelsschiff bemerkten, wie der Blitz zur Stelle waren. Mutig griffen sie die ahnungslosen Schiffe mit ihren Fischerbooten an und nahmen die reiche Beute und die Gefangenen mit sich auf die kleine Insel, wo sie ihre wilden Feste feierten.

Segelschiff

Ihr Führer war nicht ein Mann, sondern eine Frau mit Namen Stine, die früher auf einem nahen Gute gedient hatte und durch den Sohn ihres Gutsherrn in Schande gekommen war. Sie erstach in blinder Wut den Verführer und floh dann auf die Insel im Jordansee, wo sich bald eine ganze Schar verwegener Männer zu ihr gesellten. Doch war sie wilder und tapferer als jeder der Männer; im Kampf war sie die Erste, und wehe dem Manne, der ihr nicht folgte oder aufs Wort gehorchte.

Durch ihre Schandtaten zu Wasser und zu Lande kamen die Räuber bald in Verruf und mit ihnen die ganze Insel Wollin. Aber niemand konnte es sich erklären, wie die Räuber so rasch kommen und so unbemerkt wieder verschwinden konnten. Es war gerade so, als ob sie von der Erde ausgespieen und dann wieder verschlungen wurden.

Viele Jahre hindurch trieben so die Räuber ihr Wesen und sammelten auf der Insel unvergleichliche Schätze an, die Tag und Nacht von bissigen Hunden bewacht wurden.

Doch auch der männerverfluchenden Stine schlug ihre Stunde. Sie nahm einmal auf einem Lübecker Schiff einen jungen Mann gefangen, der die Tochter eines reichen Kaufmanns über See begleitete. Auf der Reise hatte er sich in die Tochter, die in Manneskleidern gehen musste, verliebt, und beide hatten sich Treue geschworen. Als nun das Schiff nach blutigem Kampfe erobert worden war, ließ Stine alle Gefangenen über die Klinge springen, nur den schönen Jüngling nicht, für den plötzlich ihr Herz entbrannte, und seine Geliebte nicht, die der Jüngling für seinen besten Freund ausgab.

Stine war ganz verwandelt und gab sich alle Mühe, den Jüngling für sich zu gewinnen. Der aber verachtete die Räuberin, und als die Räuber einst ein Fest feierten und der Wein dabei in Strömen floss und sie sich des Schlafes nicht erwehren konnten, nahm er heimlich seine Geliebte und floh mit ihr über Stock und Stein bis nach Wollin, wo er den Aufenthaltsort der Räuber an die Bürger verriet. Da rüsteten die Bürger sich mit Schild und Spieß und brachten auch zahlreiche Schiffe herbei, um die Bösewichter von allen Seiten, zu Lande und zu Wasser anzugreifen.

Segelschiff an der Ostsee

Auch Leute der mächtigen Hansa wurden aufgeboten, um Ruhe zu schaffen. Die Räuber aber hatten die Flucht der beiden schon bemerkt und sich zum größten Widerstande gerüstet. Am See kam es zum letzten Kampfe. Die Bürger griffen mit der größten Tapferkeit an, und auf einer Anhöhe, die heute noch "Stines Utkiek" heißt, stand Stine und gab den Räubern ihre Befehle, die wohl wussten, dass es um ihren Kopf ging.

Als sie merkte, dass die Bürger die Oberhand gewannen, raffte sie alle Kraft zusammen und stürzte sich selbst in die Schlacht. Aber das half ihr auch nichts; sie wurde geschlagen und musste ihr Pferd zur Flucht wenden. Am Ufer des Sees glitt aber ihr mächtiger Rappe aus und stürzte kopfüber in die Tiefe, die Räuber-Königin unter sich begrabend. Die vier Beine des Pferdes kann man oft jetzt noch im Wasser sehen.

Nun fielen all die Schätze den Bürgern zu, die sie errafften und nach Hause schleppten. Dann brannten sie die Häuser an, warfen die toten Räuber in den See und fällten alle Bäume, die an der engen Fahrstraße zur Ostsee standen. Die Bäume warfen sie in diese Straße und Erde und Felsen darüber, so dass es nicht mehr möglich war, von der Ostsee in den Jordansee zu fahren.

Reicher Lohn wurde dem Brautpaar zuteil, dem man die Zerstörung der Räuberburg zu verdanken hatte, und dass der junge Mann in Lübeck nicht vergeblich bei seinem Schwiegervater anzuklopfen brauchte, versteht sich wohl von selbst.

Aber die größten Schätze Stines sind damals den Bürgern doch entgangen. Sie ruhen mitten in der Insel in einem verborgenen Gewölbe, das von meergrünen Wassernixen bewacht wird. Keiner, der versucht hat, die Schätze zu heben, hat bis jetzt Glück gehabt; die Schätze sind vielmehr immer tiefer versunken.

Romantischer ist eine andere Lesart dieser Sage: Der Führer der Seeräuber war ein Mann namens Christian, der Stine genannt wurde, ein Hüne von Gestalt mit blauen blitzenden Augen und blondem Vollbart. Seine Stunde schlug, als er die schöne Tochter eines mächtigen Fürsten raubte, um ein großes Lösegeld zu erpressen.

Bald lag Stine in den Fesseln der schönen Prinzessin, dachte nicht mehr an Raub und Krieg, sondern sammelte Blumen für die Geliebte und machte artige Gedichte dazu. Aber auch die Prinzessin hatte ihr Herz an den Riesen verloren und träumte mit ihm die Tage dahin.

Weil er gar nicht mehr auf Raub ziehen wollte, wurden seine Genossen unwillig und beschlossen, die schöne Gefangene an ihren Vater auszuliefern, der eben Gold und Silber in Menge anbot. Aber weder Stine noch die Gefangene wollten in eine Trennung einwilligen und verschmähten die Schätze, die den Räubern in die Augen stachen.

Da berieten sich die Räuber heimlich und kamen überein, lieber Stine als das Lösegeld zu verlieren. In einer dunklen Nacht fielen sie über ihren Führer her, fesselten ihn und warfen ihn in den See.

Aber die Tat brachte ihnen keinen Segen. Kaum erfuhr die Prinzessin den Tod des Führers, so riss sie sich von den Wächtern los und stürzte sich in den See - nun vereint mit dem Geliebten. Noch ergrimmter wurde der Fürst, als er den Tod der Tochter erfuhr. Mit Heeresmacht kam er herangezogen und fiel über die führerlose Seeräuberschar her. Nicht einer entkam in dem letzten Kampfe, und all ihr Hab und Gut wurde ihnen wieder geraubt, ihr Schloss bis auf die Grundmauern zerstört. Aber die Leiche seiner Tochter hat er nicht gefunden. Sie ruht mit dem Geliebten immer noch in der Tiefe. Nur Sonntagskinder erblicken in klaren Mondnächten die beiden, wie sie Arm in Arm um den See um den See schweben.

Quellenangaben:
*Das Räubernest am Jordansee
Sagen und Märchen der Ostsee
von Karl Willnitz 1932


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