Jürgen Münzner
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Ostsee-Insel Hiddensee

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Der Büttel und die grauen Mönche zu Stralsund

Im Jahre 1516 starb zu  Stralsund ein Büttel, Namens Matthias. Er war ein großer Mann mit einer absonderlich großen Nase, wie man unter vielen hundert Menschen kaum eine wiederfindet. Er war aber auch ein sehr gottesfürchtiger und frommer Mann, weshalb er ein gutes Gerücht unter den Bürgern hatte und mit ihnen zu Bier saß, und ihm Niemand etwas dagegen sagte. Als er zum Sterben kam, sandte er zu den Mönchen im grauen Kloster, um ihm die Beichte zu hören und die letzte Oelung zu geben. Es kam auch der Guardian des Klosters selbst zu ihm, benamet Johann Wrede, aus Lübeck gebürtig, und reichte ihm die Sacramente, worauf er am anderen Tage starb.
Stralsund - Greifswald
Weil er nun Zeit seines Lebens ein so gottesfürchtiger Mann gewesen, und jedermann ihm zugethan war, so sollte er ein ehrliches Grab bekommen, ob es gleich der Büttel war. Allein dagegen wehrten sich die Geistlichen der Stadt; die drei Capellane der drei Stadtkirchspiele traten zusammen bei dem Offizial, Herrn Johann Tagge, und dieser befahl darauf, daß man die Leiche auf keinem geweiheten Kirchhofe begraben solle, damit der Büttel, so wie er im Leben mit den anderen Christen keine Gemeinschaft durch die Sacramente gehabt habe, so auch im Tode keine Gemeinschaft mit einem Christen haben solle. So wollten sie ihn nur auf ungeweihetem, offenem Felde begraben.
Greifswald MECKPOM
Das that Vielen leid, die ihn gern in geweiheter Erde gesehen hätten. Sie wußten aber nicht, wie sie zu ihrem Wunsche gelangen sollten. Da kamen auf einmal des Nachmittags um zwei Uhr zur Vesper die grauen Mönche in die Büttelei. Sie kamen mit allen ihren Brüdern, und zogen ihm eine graue Kappe an, so wie sie selbst trugen, und holten ihn also nach ihrem Kloster. Sie sangen ihm vor und trugen ein Kreuz vor ihm her, wie bei jeder anderen christlichen Leiche. Vier Laienbrüder trugen ihn, und viel Volks folgte. Also trugen sie ihn in ihren Kreuzgang, allda begruben sie ihn, wie Einen von ihren Brüdern. So vermessen waren damals die grauen Mönche. Nach dem Verbote des Offizials fragten sie nichts, und sie erwiderten darauf: Wer ihr Kleid anziehe, der werde selig und nicht verdammt, das habe Franziscus von Gott gewonnen; – "vam Duvel, wert se menen," setzt der evangelische Chronikant hinzu, dem diese Sage entnommen ist.

Quelle:
Jodocus Donatus Hubertus Temme,
1840

Kuttel Daddeldu Gaffelschoner Teerpott Mastkorb Ankerspill Backbord Brassen Politesse

Kuttel Daddeldu und Fürst Wittgenstein.


Daddeldu malte im Hafen mit Teer
Und Mennig den Gaffelschoner Claire.
Ein feiner Herr kam daher,
Blieb vor Daddeldun stehn
Und sagte: "Hier sind fünfzig Pfennig,
Lieber Mann, darf man wohl mal das Schiff besehn?"
Daddeldu stippte den Quast in den Mennig,
Daß es spritzte, und sagte: "Fünfzig ist wenig.
Aber, God demm, jedermann ist kein König."
Und der Fremde sagte verbindlich lächelnd: "Nein,
Ich bin nur Fürst Wittgenstein."
Daddeldu erwiderte: "Fürst oder Lord –
Scheiß Paris! Komm nur an Bord."
Wittgenstein stieg, den Teerpott in seiner zitternden Hand,
Hinter Kutteln das Fallreep empor und kriegte viel Sand
In die Augen, denn ein schwerer Stiefel von Kut-
Tel Daddeldu stieß ihm die Brillengläser kaput,
Und führte ihn oben von achtern nach vorn
Und von Luv nach Lee.
Und aus dem Mastkorb fiel dann das Brillengestell aus
Horn,
Und im Kettenkasten zerschlitzte der Cutaway.
Langsam wurde der Fürst heimlich ganz still.
Daddeldu erklärte das Ankerspill.
Plötzlich wurde Fürst Wittgenstein unbemerkt blaß.
Irgendwas war ihm zerquetscht und irgendwas naß.
Darum sagte er mit verbindlichem Gruß:
"Vielen Dank, aber ich muß -"
Daddeldu spukte ihm auf die zerquetschte Hand
Und sagte: "Weet a Moment, ich bringe dich noch an Land."
Als der Fürst unterwegs am Ponte San Stefano schmollte,
Weil Kuttel durchaus noch in eine Osteria einkehren wollte,
Sagte dieser: "Oder schämst du dich etwa vielleicht?"
Da wurde Fürst Wittgenstein wieder erweicht.
Als sie dann zwischen ehrlichen Sailorn und Dampferhallunken
Vier Flaschen Portwein aus einem gemeinsamen Becher getrunken,

Rief Kuttel Daddeldu plötzlich mit furchtbarer Kraft:
"Komm, alter Fürst, jetzt trinken wir Brüderschaft."
Und als der Fürst nur stumm auf sein Chemisette sah,
Fragte Kuttel: "Oder schämst du dich etwa?"
Wittgenstein winkte ab und der Kellnerin.
Die schob ihm die Rechnung hin.
Und während der Fürst die Zahlen mit Bleistiftstrichen
Anhakte, hatte Kuttel die Rechnung beglichen.

Der Chauffeur am Steuer knirschte erbittert.
Daddeldu hatte schon vieles im Wagen zersplittert,
Während er dumme Kommandos in die Straßen und Gassen
Brüllte. "Hart Backbord!" "Alle Mann an die Brassen!"
Rasch aussteigend fragte Fürst Wittgenstein:
"Bitte, wo darf ich Sie hinfahren lassen?"
Aber Daddeldu sagte nur: "Nein!" Darauf erwiderte jener bedeutend nervös:
"Lieber Herr Seemann, seien Sie mir nicht bös;
Ich würde Sie bitten, zu mir heraufzukommen,
Aber leider – " Daddeldu sagte: "Angenommen."

Auf der Treppe bat dann Fürst Wittgenstein
Den Seemann inständig:
Um Gottes willen doch ja recht leise zu sein;
Und während er später eigenhändig
Kaffee braute – und goß in eine der Tassen viel Wasser hinein, –

Prüfte Kuttel nebenan ganz allein,
Verblüfft, mit seinen hornigen Händen
Das Material von ganz fremden Gegenständen.
Bis ihm zu seinem Schrecken der fünfte
Zerbrach. – Da rollte er sich in den großen Teppich hinein.
Dann kam mit hastigen Schritten
Der Kaffee. Und Fürst Wittgenstein
Sagte, indem er die Stirne rümpfte:
"Nein, aber nun muß ich doch wirklich bitten –
Das widerspricht selbst der simpelsten populären Politesse."
Daddeldu lallte noch: "Halt’ die Fresse!"

Quelle: Joachim Ringelnatz - 1924


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